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“Ist das, was Du da machst, eigentlich Ghostwriting!?”

Falls es in den Verlagen so etwas gibt wie digitale Karteikästen, dann stecke ich wahrscheinlich hinter dem Reiter “Ghost” - insofern: ja.

Aber: Seit KI hat sich die Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren verändert - oft zum Guten. Statt einer vagen Idee liegt oft schon eine komplexe Recherche vor. Oder eine transkribierte Podcast-Serie. Oder 300-Seiten-Dialog mit einem Bot. Dann reden wir drei Stunden lang - und daraus entwickelt sich eine Storyline, auf die keine KI gekommen ist. Nicht kommen konnte, weil KI zwar superschnell das am meisten Wahrscheinliche herausfindet, aber nicht das Überraschende. Das, was Menschen wirklich bewegt. Das, was in dieser düsteren Zeit weiterhilft.

Meine Aufgabe hat sich also verschoben: weniger „komplexe Fakten verständlich machen“, mehr „die einzigartige Stimme eines Menschen zum Klingen bringen“. Seinen Sound, seinen Stil, seine Erfahrungen und Anliegen – immer im Kontext der aktuellen Debatten und des Wissens, dass Leserinnen und Leser sich heute fast alles von ihren Bots erklären lassen können. Und dass dabei immer etwas fehlt: die Glaubwürdigkeit, die Authentizität, die Lebenserfahrung einer Persönlichkeit.

Deshalb braucht es auch heute noch echte, wirkliche Autorinnen und Autoren. KI kann das nicht. Leserinnen und Leser spüren das. Und Menschen, die Sachbücher, Essays, Magazinbeiträge oder Blogs publizieren, suchen möglicherweise deshalb nicht mehr nur nach „jemandem, der 220 Seiten tippt“, sondern nach etwas anderem: nach einem Gegenüber für Dialog und Auseinandersetzung. Nach jemandem, der kritisch mitdenkt, auch mal unkonventionell recherchiert und sich radikal zurückhält, sobald die eigene Stimme gefunden ist.

Genau das verstehe ich als meinen Job. Und darum heißt diese Seite jetzt: „Konzepte, Texte & Bilder für Sachbücher“. Wie auch immer man meinen Job nennen möchte - die Idee dazu entstand nach einem Interview, das ich - damals noch “Journalistin” - mit einem Sachbuch-Autor führte. Der fragte mich, ob ich Buchprojekte für ihn übernehmen könnte. Nach meinem spontanen "Ja!" und den ersten gelungenen Projekten sprach sich meine Tätigkeit als Text-Ninja bis zu einer Lektorin des Frankfurter Campus Verlags herum. 2002 übernahm ich eine Ruck-zuck-Rettungsaktion für das Buch eines damals noch nicht bekannten, heute aber sehr erfolgreichen Autors. Nach der Manuskriptrettung gab mir besagte Lektorin den Status der „Geheimwaffe“. Der Jobtitel gefiel mir. Und dann kamen die Fragen:

"Macht Dir das gar nichts aus, dass Du nicht als Autorin auf dem Buchcover stehst?" Nein, das macht mir nichts aus. Was mich antreibt, ist die Suche nach neuen Gedanken, Argumenten, Fakten und Zusammenhängen für Sachbücher. Ich liebe es, Struktur in Gedankengebäude zu bringen, Geschichten zu erzählen, Sachverhalte verständlich zu machen und Manuskripte in Zusammenarbeit mit Lektoren, Typografen und Illustratoren zu gestalten. Inhalt und Form - darum geht es bei jedem Projekt. Wenn das Zusammenspiel gelingt, bin ich froh. Und wenn Autor und Verlag damit auch froh sind, bin ich glücklich.

"Was sind Deine Themen?" Meine Themen sind vor allem Wirtschaft und Gesundheit. Meine Vorliebe besteht darin, ökonomische oder medizinische Fragestellungen mit Erkenntnissen aus Soziologie und Geschichte, aus Philosophie und Psychologie aufzumischen und so neue Sichtweisen zu entwickeln. Damit das gelingt, führe ich mit den Autoren lange Gespräche und arbeite für jedes Buchprojekt einen hohen Stapel Bücher durch, außerdem Studien, Fachzeitschriften und alles, was in der Tagespresse aktuell zum Thema verhandelt wird. Alle Themen, so verschieden sie sein mögen, eint die sehr einfache Frage nach dem "guten Leben".

”Welche Themen oder Aufträge lehnst Du ab?” Was ich nicht übernehme, sind Projekte, die eine historische, kulturelle oder soziale Kontextualisierung vermissen lassen oder gar ablehnen. Ich bearbeite keine Themen aus dem Umfeld mystischer Welterklärungen oder simplifizierender Glücks- und Erfolgsversprechen. Ich bemühe mich im Sinne Hannah Arendts um ein „Denken ohne Geländer“ und trete ein für Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.

"Wie hast Du das überhaupt gelernt?" Ich habe schon als Schülerin sehr, sehr, sehr viel gelesen und geschrieben. So fing es wohl an. Weil mich Gestaltung so fasziniert hat, bin ich erst einmal Fotografin geworden. Doch nach viereinhalb Jahren mit Kameras, Scheinwerfern und Kabelsalat bin ich doch wieder beim Schreiben gelandet.

Ich habe in Frankfurt am Main Theater-, Film-, und Medienwissenschaft, Soziologie und Kunstgeschichte studiert und bei Journalistenschulen etliche Fortbildungen besucht. Zwei Jahre lang habe ich bei der F.A.Z. das Hochschulmagazin redigiert, eine Weile habe ich als freiberufliche Journalistin für verschiedene Fachmedien gearbeitet und heute vor allem für Publikumsverlage oder direkt für Autorinnen und Autoren.

"Kommen die Buchtitel auch von Dir?" Tatsächlich kommen etliche Titel von mir - sie entstehen während der Konzeption oder der Produktion der Bücher. Auf die Buchgestaltung hatte und habe ich oft nur wenig Einfluss und war mehr als ein Mal nicht wirklich überzeugt vom gedruckten Ergebnis - die Typografie, der Satz und die Illustration der Bücher hätten doch so viel besser sein können! Fand ich, konnte es aber nicht begründen.

Von 2013 bis 2015 habe ich deshalb bei der altehrwürdigen "Typografischen Gesellschaft München" die Fortbildung "Typografie intensiv" absolviert. Seitdem kann ich meine Konzepte besser begründen und es ist mir ein noch größeres Anliegen, gute und schöne Bücher zu machen.

"Gestaltest Du die Bücher auch selbst?" Ich denke die Gestaltung in meinen Konzepten immer mit und übernehme auf Wunsch auch die komplette Bildredaktion - ich gestalte die Bücher aber nicht selbst, sondern in Kooperation mit kreativen Köpfen, die sich damit auskennen.

Gute Sachbuch-Gestaltung hat sich zu einem wichtigen USP entwickelt und heute lassen sich mehr und mehr Verlage auf neue Ideen ein. Ich freue mich sehr, dass ich viele Buchprojekte in enger Zusammenarbeit mit Gestalterinnen umsetzen darf und sehe, wie viel Raum hier noch ist für innovative Typografie und Designideen. Im Zeitalter der uniformen KI-Bücher wird genau das vielleicht zu einer wunderbaren Notwendigkeit.